Dienstag, November 14, 2006

Reisebericht Teil 4: Herbst in Nordjapan

Vor Urlaubsbeginn hatten die Wetterfrösche für den Mittwoch (gemeint ist der 1.11.) noch Wolken und Regen vorhergesagt, aber bis dahin hatte Petrus es sich anders überlegt und ließ stattdessen die Sonne vom strahlendblauen Herbsthimmel scheinen. Glück gehabt!

Am Vormittag fuhren Julia, Jakob und ich Richtung Tōno. In diesem malerischen Tal gibt es mehrere Museumsdörfer, und das schönste davon, Furusato-mura, wollte Julia mir zeigen. Tōno ist auch eine der wenigen Attraktionen der Gegend, die es in meinen Reiseführer geschafft haben.

Ich war genau zum richtigen Zeitpunkt dorthin gekommen: der Herbst hatte seinen Höhepunkt erreicht. Die Wälder auf den umliegenden Bergen leuchteten allesamt gelb und rot, und nur die Nadelbäume waren grün geblieben. Toll sah das aus.

Unterwegs machten wir an einem Stausee einen kurzen Halt.


Am Seeufer gibt es einen kleinen Schrein, und daneben einen dieser unglaublich rot leuchtenden japanischen Ahornbäume, von denen wir später noch mehr sehen sollen.


Am Stausee hatte man einen kleinen Jachthafen gebaut, an dem aber nichts los war (darum nicht im Bild), und davon etwas entfernt eine moderne Fußgängerbrücke, welche den Wanderweg vom einen Ufer mit dem Wanderweg, den wir auf dem anderen Ufer nicht entdecken konnten, verbindet.


Natürlich sind wir über die Brücke gegangen, denn wie Julia meinte, waren wir vermutlich die ersten Gaijin, die ihren Fuß darauf gesetzt haben. Die Chancen stehen jedenfalls nicht schlecht.

Dann ging es weiter nach Tōno und ins Museumsdorf. Einige alte Bauernhäuser aus der Gegend sind hier aufgestellt worden, außerdem gibt es eine kleine Wassermühle, einen kleinen Schrein, einen Teich, ein paar Felder und neben nahezu jedem der Bauernhäuser ein vorbildlich sauberes Toilettenhäuschen (dankenswerterweise im selben Stil wie die anderen Gebäude gehalten).


So sieht ein Magariya, das traditionelle, L-förmige Bauernhaus, aus. Im linken Teil waren die Tiere untergebracht, im rechten wohnten die Menschen. Vor dem Stalleingang hingen Rettiche zum Trocknen, und während in zweien der Häuser zu Jakobs Freude jeweils ein Pferd im Stall stand, gab es in diesem Fall etwas anderes zu sehen:


In dem kleinen Schrein stand noch so eine Gestalt. Und ein ebenso großer hölzerner Penis, dem Geldstücke (wahrscheinlich Ein-Yen-Münzen, die hier übliche "Spendensumme") in sämtliche Ritzen im Holz gesteckt worden waren. Abergläubisches Volk! :-))

In einem der Bauernhäuser haben wir uns ein leckeres Mittagessen gegönnt. Dieses Angebot gibt es in einigen der Häuser, ein weiteres Restaurant gibt es am Eingang zum Museumsdorf - das kann einfach nicht rentabel sein. An diesem schönen Tag waren wir nahezu die einzigen Besucher im Dorf. Es war nicht einmal eine Schulklasse da. Wahrscheinlich hochsubventioniert, das Ganze.


Weil es in dem Gebäude doch schon etwas kühl war, machte die nette Bedienung extra für uns den Ofen an. Von dessen Wärme kam allerdings nicht allzuviel an, dabei stand er gar nicht sooo weit von uns entfernt. Was müssen die Bauern früher im Winter gefroren haben! Japanische Häuser sind halt vor allem für den Sommer gebaut. Lehmhäuser wären für das Klima ideal, aber leider sind sie alles andere als erdbebensicher und daher für Japan ungeeignet.


Etwas später trafen wir noch ein paar Besucher an einem der besonders kräftig leuchtenden Ahornbäume. Eine gute Gelegenheit zum Erinnerungsbild.


Dann begegneten wir der einsamen Dorfgans. Und einem Arbeiter des Museumsdorfes, der mit dem Lieferwagen vorbeikam. Er sah, wie wir Fotos von der Gans machten, und wollte uns dann eine Freude machen. Wir sollten uns mit der Gans zum Gruppenfoto aufstellen. Nur war die Gans von dieser Idee überhaupt nicht angetan. Immer rannte sie weg. Wir hinterher. Der Mann auch. Wann immer wir vier (die Gans, Julia, Jakob und ich) halbwegs in Position standen, drückte der Mann auf den Auflöser von Julias Kamera, aber viel zu zaghaft. Jedenfalls gab es kein Bild. Dann lief die Gans wieder weg, und alles ging von vorne los. Der Mann wollte unbedingt das Foto machen, versprochen ist schließlich versprochen, aber nach einer Weile gab er es doch auf.


An dem mit Abstand rotesten Ahorn vorbei gingen wir Richtung Ausgang, denn als nächstes stand der Fukusen-ji auf dem Programm. Dieser Tempel ist noch keine hundert Jahre alt, aber er beherbergt eine 17 Meter hohe, hölzerne Statue von Kannon, der buddhistischen Gottheit des Mitgefühls.


Die Figur ist tatsächlich beeindruckend groß, und die japanischen Tempel mag ich sowieso alle. Aber an diesem hier hat mir doch das Drumherum am besten gefallen. Soll heißen, die gelb, orange und rot leuchtenden Bäume, unter denen entlang der Weg erst den Berg zur Haupthalle hinauf- und anschließend wieder hinunterführte.


Eine andere Berühmtheit der Gegend ist der Kappa, eine Sagengestalt, die es sogar schon in das Schulbuch des berühmtesten Zauberlehrlings der Welt geschafft hat. In den unvermeidlichen Andenkenläden ist die Figur in verschiedenen Varianten allgegenwärtig.


Kappas sind im Allgemeinen bösartige Kreaturen, aber dieser hier gehört zu den Ausnahmen. Er hat den Menschen geholfen, ein Feuer zu löschen. Dazu hat er einfach das Wasser aus der Vertiefung auf seinem Schädel auf die Flammen geschüttet. Eigentlich verleiht dieses Wasser dem Kappa seine Zauberkraft. Zum Dank haben die Menschen ihm an dem Bach, in dem er lebt, eine kleine Statue aufgestellt. Dieser Bach fließt hinter einem anderen Tempel vorbei, in dem gerade eine Beerdigung abgehalten wurde. Es muß jemand wichtiges gestorben sein, es waren viele Menschen da und kein Parkplatz mehr frei.

Viel Zeit war aber nicht mehr, denn Julia wollte mir noch einen besonders schönen Onsen zeigen, bei dem Gäste, die nur zum Baden kommen und nicht auch übernachten wollen, nur bis vier Uhr eingelassen werden.


Dieser Onsen befindet sich in einem kleinen Tal in den Bergen bei Hanamaki, Kitakamis Nachbarstadt. Kurz vor vier kamen wir an, gerade noch rechtzeitig. Das Außenbecken war wirklich klasse. Frische Luft, viele Bäume ringsum. Eine kleine Treppe führt zum Fluß hinab, der ein wenig unterhalb vorbeirauscht. Aber anscheinend geht nie jemand wirklich hinunter, um sich im kalten Wasser ein wenig abzukühlen.

Nach einem kurzen Abstecher in der schicksten Konditorei Kitakamis warteten wir auf die Rückkehr von Julias Mann Thomas von der Arbeit, dann fuhren wir alle zum Okonomiyaki-Essen. Im Unterschied zu meinem Stammlokal bekommt man dort die Zutaten in einer Schüssel gereicht und darf sich das Essen dann selbst braten. *mmmh*

Kommentare:

Luthien hat gesagt…

Wie immer tolle Fotos :) Ich liebe Fotos von feuerroten Herbstbäumen.

Ute hat gesagt…

Ich auch.
Aber die Originale mag ich noch viel lieber. :-)