Samstag, November 04, 2006

Reisebericht Teil 1: Der erste Blick auf den Fuji

Letzten Samstag ging es los: am Vormittag habe ich den Rest der Sachen, die ich mitnehmen wollte, in den schon am Freitag gepackten Rucksack gesteckt. Dann ging es, den schweren Rucksack auf dem Rücken und in für solche Aktionen an sich ungeigneten Schuhen, erst einmal zur Arbeit. Aber Dresscode bleibt Dresscode. Acht Unterrichtsstunden mußten noch bewältigt werden, ehe ich endlich in den Urlaub aufbrechen konnte.

Nach der Arbeit begab ich mich samt Rucksack in die Damentoilette im Untergeschoß, ganz in der Nähe zur Verbindung mit dem OCAT. Raus aus dem Anzug, rein in Jeans und Turnschuhe. Mit der U-Bahn ging es anschließend nur bis Umeda, wo ich eine Weile brauchte, bis ich den Treffpunkt (der Bürgersteig vor dem Hauptpostamt gegenüber des JR-Bahnhofs) für den Nachtbus eines privaten Busunternehmens gefunden hatte. Wie gut, daß ich noch eine knappe Stunde Zeit hatte. Der Bus sollte um 0:30 abfahren, aber die Fahrgäste sollten schon zwanzig Minuten eher da sein.

Um kurz nach Mitternacht tauchte dann auch ein junger Mann mit einem sehr durchdringenden Organ auf und rief seine "Schäfchen" zusammen, kontrollierte die Fahrkarten und hakte die entsprechenden Namen auf seiner Liste ab. Zwischendurch telefonierte er immer wieder mit dem Busunternehmen.

Ihm zeigte auch ich meine Fahrkarte, und nachdem er meinen Namen auf der Liste gefunden hatte, wurde ich mit einem langen japanischen Wortschwall überschüttet. Natürlich habe ich wieder nichts verstanden. "Yukkuri itte kudasai." (Bitte sprechen Sie langsam.) "Please wait here. When bus come, I call you."

Toll. Hatte ich irgendetwas von "Englisch sprechen" gesagt? War an den drei Wörtern irgendetwas unverständlich? Ts ts ts ...


Hier auf dem Foto ist der junge Mann zu sehen. Rechts an der Ampel steht eine der Gestalten, die man in Ōsaka oft zu sehen bekommt, vor allem abends und dann vor allem am Wochenende. Immer wieder ein lustiger Anblick.

Der Bus war natürlich pünktlich, und nachdem das Gepäck eingeladen war und alle ihre Plätze eingenommen hatten, fuhren wir los. Anfangs war noch leises Gemurmel zu hören, aber sobald das Licht im Bus ausgeschaltet worden war, herrschte Stille. Die Fahrt dauerte nur gut sieben Stunden, nur dreimal von jeweils zehnminütigen Pinkelpausen an Raststätten unterbrochen. Um kurz nach halb acht, eine halbe Stunde eher als im Fahrplan vorgesehen, kamen wir am Bahnhof Shinjuku in Tōkyō an.

Völlig übernächtigt, denn ich hatte mehr schlecht als recht geschlafen, machte ich mich auf den Weg zum Terminal für den JR-Highwaybus, der mich nach Kawaguchiko bringen sollte. Das war schnell gefunden, und da ich bis zur Abfahrt noch jede Menge Zeit hatte, galt mein nächster Gedanke meiner allmorgendlichen Versorgung mit Kaffee. Dummerweise war noch alles geschlossen, nur im Wartesaal des Busterminals hatte ein kleiner Kiosk geöffnet, aber alles, was der an Kaffee zu bieten hatte, waren die kleine Döschen, die man auch an jedem Getränkeautomat bekommt. Na ja, besser als gar nichts, und einigermaßen heiß war er auch.

Um 8:40 startete dann der Bus nach Kawaguchiko, und nach zwei weiteren Stunden, in denen ich abwechselnd die Landschaft bewunderte und gegen die immer größere Müdigkeit ankämpfte, stand ich schließlich vor dem Bahnhof von Kawaguchiko.


Den Bahnhof habe ich sofort zum schönsten Bahnhof Japans gekürt: ein sympathischer, hübscher Holzbau, der eine freundliche, helle Atmosphäre verbreitet und innen dazu noch nach frischem Holz duftet.

Im Waschraum traf ich auf die Putzkolonne, bestehend aus einem Japaner, der so tat, als hätte er noch nie in seinem Leben eine Ausländerin gesehen. Und daß, obwohl es in Kawaguchiko von in- und ausländischen Touristen nur so wimmelt. Da mußte erst geklärt werden, daß ich vermutlich deswegen so groß geraten bin, weil ich viel Fleisch esse (der Typ war genauso groß wie ich).

An der Touristeninformation besorgte ich mir eine englische Karte der Umgebung und marschierte dann zur Jugendherberge. Unterwegs traf ich vier Gestalten, die ich hier am allerwenigsten erwartet hätte.


Was um alles in der Welt haben die hier verloren?!

An der Jugendherberge angekommen, mußte ich leider feststellen, daß sie tagsüber geschlossen hatte. *hmpf* Also bin ich zum Bahnhof zurückgetrottet und habe meinen Rucksack ins Schließfach gestellt. Es war fast schon Mittagszeit, und so habe ich kurzentschlossen das Restaurant im Bahnhof ausprobiert. Empfehlenswert! Besonders der Kaffee war gut.

Danach war es Zeit, mit dem Besichtigungsprogramm zu beginnen. Das Wetter war schön (und sollte es auch den ganzen Urlaub über bleiben), aber bewölkt. Der Fuji war, obwohl ganz nahe, gut versteckt. Trotzdem machte ich mich auf den Weg zur Aussichtsplattform auf einem der kleineren Berge direkt am Ufer des Kawaguchi-ko.


Man muß eigentlich nicht unbedingt auf den Berg fahren oder klettern, um die Umgebung zu bewundern. Der Kawaguchi-ko und die gleichnamige Stadt liegen inmitten einer traumhaft schönen Berglandschaft. Nur die Stadt ist wie fast alle japanischen Städte ziemlich häßlich.


Von der Plattform aus hat man aber eine gute Sicht auf den See und die Stadt.


Und auf den Fuji, wenn er sich nicht gerade hinter Wolken versteckt, so wie hier. Obwohl die Sonnenstrahlen, die vereinzelt durch die Wolken brachen und die Berghänge beschienen, auch etwas für sich hatten. Aber den Gipfel konnte ich leider nicht einmal erahnen.

Doch eines wurde trotz der Wolken sehr deutlich: der Vulkan liegt nahe. Sehr nahe. Um es mit meinem Reiseführer zu sagen:
... so close ... that when the dormant volcano eventually blows her top the local residents will be toast.

Aber so weit ist es glücklicherweise noch nicht. Ich blieb insgesamt wohl eine gute Dreiviertelstunde auf dem Berg, spazierte ein wenig durch die Gegend, lutschte ein Eis, genoß die Aussicht, beobachtete die anderen Touristen und wartete darauf, daß sich die Wolken endlich verzogen. Leider vergebens. Irgendwann wurde es aber doch langweilig, also fuhr ich mit der Seilbahn wieder nach unten. Ich wollte noch etwas mehr von der Gegend sehen, und so fuhr ich mit dem Touristenbus einmal halb um den See herum, wo sich laut Reiseführer die zweite wichtige Sehenswürdigkeit der Gegend befindet: das Kubota Itchiku Bjutsukan (leider nur Japanisch), ein Kimonomuseum. Kubota Itchiku war ein Künstler, der eine alte Technik des Färbens von Seidenstoffen wiederentdeckt und dem modernen Geschmack angepaßt hat. Das Museum hat er selbst gebaut.


Ein indisch angehauchtes Tor führt in einen schönen Garten, hinter dem sich das Museumsgebäude befindet.


Das hier ist der sogenannte neue Flügel, in dem Kubotas Sammlung antiker Glasperlen, ein Restaurant und der unvermeidliche Museumsshop untergebracht sind. Das alles ist schon sehr stilvoll, aber der Hühepunkt ist natürlich die Ausstellung einiger seiner Kimonos im Hauptgebäude. Leider darf man dort nicht fotografieren, aber ich habe hier eine schöne (englische!) Seite mit Fotos und Erklärungen gefunden.

Ein wunderschönes, liebevoll gestaltetes Museum, dessen Besuch ich jedem, der in die Gegend fährt, gar nicht eindrücklich genug ans Herz legen kann!

Nach ca. einer Stunde verließ ich das Museum wieder und ging ein paar Schritte am Seeufer entlang. Japanische Musik lockte mich auf eine Art Volksfest, wo es - natürlich - jede Menge Eßbares zu kaufen gab. Die Musik kam von einer kleinen Bühne, auf der einige Musiker saßen und drei kleine Mädchen einen offenkundig alten Tanz aufführten.


Klasse! Sie machten nur sehr langsame Bewegungen und schüttelten in regelmäßigen Abständen (fast) synchron kleine goldene Glockenspiele, die sie in den Händen hielten. Ich hätte stundenlang zusehen können, aber leider war der Tanz schon sehr bald beendet. Pech!

Ich ging weiter und traf einen bedauernswerten Hund.


Nun ist das arme Tier schon von Natur aus nicht gerade mit Schönheit gesegnet, und dann mußte Herrchen es unbedingt noch in eine Latzhose packen. *kopfschüttel*

Und dann sah ich es: auf der anderen Seite des Sees verzogen sich die Wolken etwas und gaben den Blick auf den schneebedeckten Gipfel des Fuji frei!


Klar, daß ich da nicht zögerte und zum Seeufer ging, wo ich tatsächlich eine freie Sitzgelegenheit fand, von der aus ich die nächste halbe Stunde lang abwechselnd den Fuji und die umliegenden Berge betrachtete.


Wunderschön war das. Immer noch umgaben dichte Wolken den Berg. Der Gipfel schien über allem zu schweben. Ein unvergeßlicher Anblick.


Es ging auf vier Uhr und schon wurde es langsam dunkel. Zeit, zurückzukehren und endlich in der Jugendherberge einzuchecken. Inzwischen hatte sie auch geöffnet. Der freundliche Herbergsvater, ein freundlicher Herr über 60, begrüßte mich und zeigte mir mein Zimmer. Die Saison am Fuji war schon fast vorbei, daher waren kaum Gäste da und ich hatte ein geräumiges Acht-Bett-Zimmer ganz für mich alleine. Am 6.11. schließt die JH für den Winter. Mit gutem Grund, denn es gibt dort keine Heizung. Nachts wurde es schon sehr kalt, aber glücklicherweise waren die Bettdecken ausreichend dick gefüttert.

Der Herbergsvater empfahl mir ein kleines, preiswertes Restaurant in der Nähe, in dem ich dann auch mein Abendessen einnahm. Inzwischen war es komplett dunkel geworden, also verbrachte ich den Abend damit, noch ein wenig zu lesen, bevor ich mich todmüde nach der kurzen Nacht und dem schönen Urlaubstag schlafen legte.

Kommentare:

Sabine hat gesagt…

Also, auf der Postkarte erkennt man den Fujisan ganz hervorragend :-)

Ute hat gesagt…

Und auf dem letzten Bild hier etwa nicht? :-)