Sonntag, Dezember 04, 2005

Selbsterkenntnis

Ich weiß nicht, ob sich jemand unter meinen Lesern in Deutschland schon einmal Gedanken darüber gemacht hat, wie das so ist, als offenkundiger Ausländer herumzulaufen. Da ich bis vor sechs Wochen auch noch zur (politisch korrekt) sogenannten "Mehrheitsgesellschaft" gehört habe, ist es für mich eine sehr interessante Erfahrung, als Europäerin in Japan herumzulaufen.
Ich kann ja machen, was ich will, selbst wenn ich - was völlig illusorisch ist - ab morgen spontan fließend Japanisch parlieren könnte, ich werde hier immer als Fremde wahrgenommen werden. Wie es in einem ähnlichen Zusammenhang in der "Gebrauchsanweisung für Deutschland" heißt: die Physiognomie hält mit der Entwicklung der linguistischen Fähigkeiten einfach nicht mit.
Wenn ich beispielsweise zur Arbeit oder von der Arbeit wieder nach Hause fahre, dann bin ich mitunter die einzige Europäerin im U-Bahn-Wagen* und falle als solche natürlich auf.
Mittwoch auf dem Weg zur Arbeit war es dann erstmals so weit: in Shin-Osaka bin in einen fast leeren Waggon gestiegen und habe einen Sitzplatz am Ende zwischen einer der Einstiegstüren und dem Übergang zum nächsten Waggon ergattert. An dieser Stelle sind auf der Bank nur drei Sitze, ich saß direkt neben der Tür, der mittlere Platz war frei, und am anderen Ende saß ein alter Mann. Gegenüber dasselbe Bild: zwei Plätze besetzt, in der Mitte frei. In Shinsaibashi (für mich noch eine Station bis Namba) öffneten sich die Türen auf der mir gegenüberliegenden Seite des Wagens, und es stieg u.a. eine ältere Frau ein, die zielstrebig auf den freien Platz links von mir zusteuerte und dann im letzten Moment nach rechts abbog und sich auf den freien Platz mir gegenüber setzte, sobald sie gewahr wurde, daß da auch noch ein Platz frei war. Das hat mich ein bißchen irritiert, aber noch mehr gestört hat mich die Erkenntnis, daß ich an ihrer Stelle dasselbe getan hätte.
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*Ich kann nicht ausschließen, daß auch chinesische Nova-Lehrer mitfahren, aber die kann ich nur innerhalb des MMC als solche erkennen, weil ihre Magnetkarten an denselben leicht lila getönten Bändern hängen wie die der anderen Lehrer. Die japanischen Mitarbeiter haben entweder dunkelblaue (LS) oder graue (TS) Bänder.

1 Kommentar:

Patrick Hohmann hat gesagt…

Tröste dich, dir geht es nicht allein so. Es ist egal, in welchem Land du bist, sollte man nur geringfühig an deinem Aussehen oder deiner Sprache feststellen, daß du nicht von dort bist, wirst du immer mit diesen Problemen kämpfen.

Manchmal ist es aber echt affig:

Ich war im Mai 2004 in Paris. Von den 5 Jahren Französisch sollte ja noch soviel hängen geblieben sein, daß ich in der Lage gewesen wäre mir ein Ticket für die Metro kaufen zu können - dachte ich zumindest. Also bin ich frohen Mutes an den Schalter und wollte eine Drei-Tages-Karte - ein "Paris-Visite" kaufen. Der gute Mann konnte, oder besser gesagt, wollte mich nicht verstehen.Ich habe ihm klar gemacht, daß ich auch kein Carnet sondern eben dieses "Paris Visite"-Ticket haben wollte.

Ende vom Lied war, daß die Dame, die hinter mir stand, mich auf Englisch!!! gefragt hat, was ich für ein Ticket wolle und ich ihr auf Französisch!!! geantwortet habe und sie dem Ticket-Mann genau das gleiche gesagt hat,wie ich zuvor, erst da habe ich dies dösige Ticket erhalten. Da war mein Akzent wohl doch nicht "pariserisch" genug um nur eine dösige Metro-Karte zu kaufen...

Wie du siehst, kommt es machmal zu "unglücklicheren" Gegenheiten, als sich das nicht neben dich setzten wollen ;-)

VG Patrick