Montag, April 10, 2006

Riten im Regen

Nachdem das letzte Wochenende meiner Erkältung und einem Shift Swap (ich habe am Montag für Alexander gearbeitet, der einen zusätzlichen Tag für seinen Umzug braucht, und im Gegenzug habe ich an meinem Geburtstag frei) zum Opfer gefallen war, stand heute endlich wieder ein Ausflug auf dem Programm.
Ursprünglich war es Caris Idee, sich die Kirschblüte in Yoshino anzusehen, aber weil schlechtes Wetter vorhergesagt war und außerdem ihr Knie Probleme macht, hat sie auf die Tour verzichtet. Also sind George und ich alleine losgezogen.

Vorrausschickend muß erwähnt werden, daß ich am Freitag im OCAT einen Kauf getätigt hatte, der sich als der vermutlich beste meines Lebens entpuppt hat: nach jahrelanger Abstinenz bin ich jetzt wieder stolze Regenschirmbesitzerin. Der Wetterbericht hatte für heute Regen vorausgesagt, und genau so kam es dann auch. Das hat uns aber nicht abgehalten, und als wir nach gut 90 Minuten in Yoshino aus dem Zug stiegen, hatte der Regen tasächlich aufgehört. Leider nicht für lange.

Aber wir wurden für die Nässe mehr als entschädigt, denn als wir uns dem Kinpusen-ji näherten, zog eine Prozession lustig gekleideter Japaner an uns vorbei. Auf dem Tempelgelände wurde eine shintoistische Zeremonie abgehalten (worum es dabei ging, wissen wir leider nicht), und wir haben alles ansehen können!! Das war eine unglaublich fasznierende Erfahrung, auch wenn wir nichts verstanden haben.

In einer Ecke des Tempels neben ein paar kleinen Shintoschreinen hatte man einen großen Holzstoß vorbereitet, neben dem ein Teil der Leute (Priester? - ich habe wirklich keine Ahnung) Platz nahm, während sich der Rest rechts davon (hier im Bild nicht zu sehen) aufstellte. Die ältere Dame unter dem roten Schirm war so was ähnliches wie die Oberpriesterin der Gruppe.


Die Priester (ich nenne die der Einfachheit halber jetzt so) rechts begannen, eine große Trommel zu schlagen bzw. mit kleinen Rasseln zu rasseln. Ein ganz einfacher Rhythmus, aber sehr eindrucksvoll. Dazu wurde irgendwas gesungen. Ich habe nur "hanami" (die Kirschblüte) und "sanbyaku" (300) verstanden, aber dafür gibt es natürlich keine Gewähr. Zur Unterstützung der Gesangsdarbietung kam moderne Technik in Form von Mikrofonen zum Einsatz.


Dann trat eine Priesterin hervor, verneigte sich vor der Oberpriesterin, bekam von dieser feierlich ein Schwert überreicht, mit dem sie dann vor dem Holzstoß herumfuchtelte und irgendwas rief, bevor sie es mit einer erneuten Verbeugung wieder zurückgab.

Anschließend holten andere Priester zwei riesige Fackeln hervor, marschierten damit einmal um den Holzstoß, dann wurden die Fackeln angezündet, und damit wurde endlich der Holzstoß in Flammen gesetzt.


Oder besser gesagt, in Rauch, denn Flammen waren anfangs nicht zu sehen. Zwei Priester waren auch lange damit beschäftigt, mit großen hölzernen Schöpfkellen Wasser auf die Zweige zu gießen, vermutlich um zu verhindern, daß das Ganze zu schnell abfackelt. Bei dem Regen war das eigentlich überflüssig, aber wahrscheinlich gehört das zum Ritual einfach dazu.


Die Rauchentwicklung war jedenfalls gewaltig, die "Musikgruppe" war unseren Blicken nach kurzer Zeit entzogen, aber nach einer Weile zog der Qualm in eine etwas andere Richtung ab und gab den Blick auf die trotz Regen und Qualm unverdrossen rasselnden und singenden Priester wieder frei.


Wir standen übrigens günstig, der Qualm wanderte nicht in unsere Richtung. Der Regen leider doch, aber das war uns in dem Moment herzlich egal.
Als die Rauchentwicklung eine gewisse Konstante erreicht hatte, begannen die Priester, mit japanischen Schriftzeichen beschriebene Holzbrettchen in die nun doch sichtbaren Flammen zu werfen.


Als das getan war, wurde noch etwas gesungen und gebetet. Anschließend hielt einer der Priester eine Ansprache, von der George immerhin verstand, daß es in den vergangenen 25 Jahren nicht so stark bei der Zeremonie geregnet hätte. Danach zogen sie wieder ab, klatschnaß, erschöpft und von oben bis unten mit Schlamm bespritzt.

Wir sind danach auch noch etwas in der Nähe herumgegangen, bevor wir uns auf den Rückweg zum Bahnhof machten. Vorbei an einer atemberaubenden Aussicht über blühende Kirschbäume im Regen. Hinter dem Kinpusen-ji wäre es noch weiter gegangen mit mehr Tempeln, Schreinen und Kirschbäumen, aber wir waren naß, und mit der Shintozeremonie hatten wir schon wesentlich mehr gesehen als erwartet.


Und morgen gibt es dann noch ein paar mehr Fotos von blühenden Kirschbäumen, für heute sind das erst einmal genug Fotos.
Außerdem wollte blogger.com nicht mehr.

Kommentare:

Cari hat gesagt…

Brain is too tired to read and comprehend German at the moment--glad you were able to go.

I decided not to swim to Kyoto yesterday, may go today to Philosopher's Walk. Caught on NHK last night and then found the link--crazy people :)

Have a good day and good luck at your lesson--enjoy the night thing with Angelica tonight if it doesn't rain :)

Me

Bescheid hat gesagt…

Hallo Ute,

deine Priester sind "yamabushi", sog. Bergasketen, die eine Mischung aus Buddhismus und Shinto praktizieren. Der Text, den sie gesungen haben, war wahrscheinlich das Herz Sutra, das beginnt so: Hannya haramita ....

Mehr dazu findest Du auf meiner Website "Religion in Japan" (www.univie.ac.at/rel_jap) ...

Bernhard