Mittwoch, April 19, 2006

Halbzeit

Vor genau einem halben Jahr habe ich in Deutschland den Abflug gemacht. Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen.

Was ich mehr oder weniger schmerzlich vermisse:
  • Brot. Und damit meine ich richtiges Brot, bei dem man die Kiefer auch bewegen muß, um es vom Mund in den Magen befördern zu können. Nicht dieses weiche, lutschbare Zeugs, das hier im Supermarkt als "Brot" verkauft wird.
  • Richtige Taschentücher. Hier gibt es nur dieses dünne Kleenex, das sich in Nichts auflöst, sobald es auch nur mit der geringsten Menge Flüssigkeit in Berührung kommt. (Schön ist allerdings, daß kleine Päckchen davon allüberall an den Straßenecken als Werbegeschenk verteilt werden. Nicht schön ist, daß viele der Verteiler vorbeikommende Ausländer gerne ignorieren.)
  • Den weiten Himmel über OWL, MV oder Weißrußland.
  • Ulrich Wickerts Überleitungen zum Wetter.
Was mir nicht gefällt:
  • Ōsaka. Diese Stadt ist einfach nur grau, eng, laut und voll. Schöne Ecken gibt es zwar auch, aber die sind dermaßen in der Minderzahl, daß sie auf die Gesamtbewertung keinen Einfluß ausüben.
  • Telefonanrufe Donnerstags bis Sonntags vor 11 Uhr morgens - die werden daher auch mit Nichtbeachtung gestraft.
  • Die U-Bahn zwischen 17 und 20 Uhr.
  • Das japanische Fernsehprogramm. Ein Nachmittag bei SAT1 oder RTL, "Wetten, daß" und der Mutantenstadl sind nichts dagegen.

Was mir gefällt:
  • Kyōto und Nara mit ihren zahlreichen alten Tempeln und Schreinen, schönen Gärten und malerischen Gäßchen. Und Himeji. Und überhaupt eigentlich alles außer Ōsaka.
  • Der Herbst. Wenn sich der Ginkgo knallgelb und der Ahorn leuchtendrot färbt, ist das einfach nur schön.
  • Der Frühling. Wenn erst die Pflaumenbäume in allen Farbvarianten zwischen Weiß und Pink und später die Kirschbäume in denselben Farben erblühen, ist das einfach nur schön.
  • Okonomiyaki. Wer das einmal probiert hat, braucht kein Sushi mehr.
  • Die Züge. Hat man Herrn Mehdorn eigentlich schon mal erzählt, daß es durchaus möglich ist, Effizienz mit gutem Service und einem sehr günstigen Preis zu verknüpfen? Und daß das sogar mit einem ganz simplen Tarifsystem funktioniert?
  • Das leckere Grüntee-Eis. Nicht jedermanns Sache, da leicht bitter, aber ich liiiiebe es!
  • Die "Lady's Night" im Videoshop. Mittwochs bezahlen Frauen pro Ausleihe 100 Yen weniger.
  • Mein Tatami-Zimmer. Ich werde mir allerdings bald einen Türvorhang zulegen, damit ich im Sommer, wenn es hier so richtig heiß wird, die Tür auflassen und trotzdem so etwas ähnliches wie Privatsphäre habe.
  • Die kleinen Erfolgserlebnisse des Lehrerdaseins. Heute beispielsweise habe ich wieder einmal einer Schülerin (Anfängerin mit leichten Grundkenntnissen) erfolgreich vermitteln können, daß es in Deutschland zwar auch Schlösser gibt, in Japan aber ausschließlich Burgen. Burgen sind für den Krieg (schnell zwei gekreuzte Schwerter auf das White board gemalt), Schlösser für "Partys". Daraufhin erklärte sie mir schnell auf Englisch, daß sie sich schon lange gewundert habe, wo da der Unterschied bestünde. :-)
  • Meine Japanischkenntnisse. Sie sind immer noch rudimentär, aber immerhin habe ich es Montag geschafft, mir den Weg zu einem Elektrogeschäft erklären zu lassen, wo ich dann endlich einen Ersatzakku für meine Kamera bestellen konnte. Der kommt zwar erst nächste Woche und damit zu spät für den Trip nach Hiroshima (werde ich den einen halt jeden Abend neu aufladen), aber das war dann auch schon wieder egal.
  • Das allerwichtigste zum Schluß: die neuen Freunde.

Kommentare:

Julia hat gesagt…

Hallo Ute,
ich finde Zugfahren hier auch klasse, aber ganz schön teuer, vor allem per Shinkansen! Wie kriegt man denn billigere Tarife raus (wenn man nicht so besonders gut japanisch kann)?
Schöne Grüße aus dem Norden,
Julia

Ute hat gesagt…

Zugegeben, der Shinkansen ist wirklich teuer, aber wenn ich nach Kyoto oder Nara fahre, nehme ich einen Rapid Express (JR Line) oder fahre mit einer der privaten Bahnlinien, und die finde ich - gerade verglichen mit Deutschland - relativ günstig.
Die Tarife sind einfach - ich sehe einfach auf den großen Plan über den Ticketautomaten und schon weiß ich, wieviel ich bezahlen muß. Ob ich dann einen Bummelzug oder Express nehme, hat keinerlei Auswirkungen auf den Fahrpreis.
Zum Preisvergleich: die tägliche U-Bahnfahrt zur Arbeit dauert 15 Minuten und kostet 270 Yen. Für 540 Yen komme ich schon mit der JR Line nach Kyoto.

Sabine hat gesagt…

Hast Du eine Backform?

Ute hat gesagt…

Ja, wieso?

Sabine hat gesagt…

Die Schlusslichter der Tagesthemen gibts zwar nicht lakonisch gesprochen von Uli W., aber etwas ausführlicher im Internet.

Ute hat gesagt…

Und was hat das jetzt mit der Backform zu tun?

Julia hat gesagt…

Ich nehme an, die Backform hat was mit dem vermißten Brot zu tun.
Backe ich auch meistens selbst. Gibt's aber auch hier zu bestellen:
Bäckerei Linde:
http://www.lindtraud.com/shoku/pdf/
LindeCatalog_en.pdf

Bäckerei Kornblume:
http://www.kornblume.co.jp/.

http://www.alishan-organic-center.com/en/tengu/shop/index.htm

Mahlzeit,
Julia