Sonntag, Oktober 23, 2005

Papierkram, Teil 5

Was liegt an, wenn man an eine neue Wohnung bezieht, egal ob im In- oder Ausland? Richtig, Papierkram. In meinem Fall ist damit zuerst die Registrierung bei der zuständigen Behörde, dem Yodogawa City Ward, gemeint („gawa“ – heißt übrigens „Fluß“, und „Yodogawa“ ist das Viertel am Yodo). Wie man da hin kommt, stand alles mit in den Infos, die ich bei meiner Ankunft am Flughafen in die Hand gedrückt bekommen hatte. Barbara hatte Donnerstag und Freitag ihre „days off“ und bot mir an, mit mir den Weg zu zeigen. Sie selbst hatte keine genauen Informationen über die Lage des Ward Office, weil sie vorher sieben Monate in einer anderen Stadt (ich habe den Namen schon wieder vergessen, es war westlich von Hiroshima) für Nova gearbeitet hat und erst vor drei Wochen umgezogen ist. Ich wollte sie aber nicht von ihrer Freizeitbeschäftigung abhalten und habe daher gesagt, daß ich selbst versuchen würde. Außerdem hatte ich mich schon mit Angelica verabredet, und zu zweit würden wir uns schon durchschlagen, und so schwer könnte das ja schon nicht sein.

Von wegen! Erst mal machte Angelica auch nach mehrmaligem Klingeln nicht auf. Na ja, ich dachte, sie wäre noch mal einkaufen gegangen (wir hatten am Abend vorher schon den benachbarten „Family Wart“ zwecks Frühstücksbeschaffung aufgesucht) und bin meinerseits einen Teil der Straße einmal auf und ab gegangen, um nachzusehen, was es hier so an Geschäften in unmittelbarer Umgebung gibt.

Nach einer guten Stunde habe ich es dann erneut versucht, aber sie machte immer noch nicht auf. Daraufhin habe ich ihr einen Zettel in den Briefschlitz getan und bin allein losgezogen. Zunächst brauchte ich noch Paßbilder (einerseits hätte ich es mir denken können, daß ich so was noch hätte mitnehmen müssen, aber andererseits hatte Nova mir eine Liste geschickt, und von Paßfotos war da keine Rede gewesen – außerdem hatte ich denen ja schon genug Paßbilder schicken müssen, und irgendwo müssen die ja auch gelandet sein), aber in dem Infomaterial stand, daß man Paßfotos an allen größeren Bahnhöfen und U-Bahnstationen bekommen kann. Und zum Bahnhof mußte ich ja eh (Shin Ōsaka ist sowohl Bahnhof als auch U-Bahnstation). Zum Glück hatte ich mein kleines Wörterbuch dabei, denn als ich den Eingang der Station endlich wiedergefunden hatte, war weit und breit kein Paßbildautomat oder ähnliches zu sehen. Also bin ich zu dem kleinen Zeitschriftenstand gegangen, habe mein Wörterbuch aufgeschlagen und zu der Verkäuferin „sumimasen (Entschuldigung), shōmeisho-yō shashin (Paßbild)“ gesagt, auf den entsprechenden Eintrag im Wörterbuch gezeigt und bekam als Antwort einen ganzen japanischen Redeschwall, von dem ich nichts, aber auch wirklich gar nichts verstanden habe. Die Frau zeigte allerdings in Richtung der Schranken, also ging ich da hin und entdeckte einen Wärter, der aufpaßte, daß niemand ohne Ticket die eigentliche U-Bahnstation betrat. Dem sagte ich wieder meine zwei japanischen Worte auf. Auch hier wurde ich wieder von einem Schwall japanischer Wörter überschüttet, aber anhand seiner Gesten konnte ich erkennen, daß er Richtung Ausgang zeigte. Da habe ich schnell die Karte von der Umgebung meiner Wohnung herausgeholt, und dann habe ich ziemlich schnell herausbekommen, daß ich zum Nissai-Building gehen mußte, das sich direkt neben der Station befindet. Im Nissai-Building hat es wieder eine Weile gedauert, bis ich zum richtigen Laden gewiesen wurde, in dem dann auch wirklich ein Paßbildautomat stand. Die nette Verkäuferin hat mir auch geholfen, die Menüführung dieser Wundermaschine auf Englisch zu stellen, und nach ca. zehn Minuten hatte ich meine Paßbilder (furchtbar sehe ich darauf auf, aber das ist bei Paßbildern ja nichts ungewöhnliches).

Nachdem ich das endlich geschafft hatte, bin ich schnurstracks in die Wohnung zurückgekehrt, um Barbara zu fragen, ob sie mit mir zum ward Office gehen könne, und glücklicherweise war sie einverstanden. Das war eine kluge Entscheidung von mir, denn allein schon die Ticketautomaten hätten mich wahnsinnig gemacht. Eigentlich ist das System ja denkbar simpel, aber wenn man kein Japanisch kann, ist es besser, man bekommt es einmal gezeigt.

Also: man sieht auf den Streckenplan, den es immer auch in einer Version mit lateinischen Buchstaben gibt, sucht die gewünschte Station raus. Dabei steht immer der Preis für eine einfache Fahrt in diese Richtung. Wir mußten zuerst zur Umeda-Station fahren, was 230 Yen kostet. Dann geht man zum Automaten, wirft entweder einen Schein oder Münzgeld ein, dann leuchten ein paar Knöpfe auf, und man drückt auf den, der den Betrag für die gewünschte Strecke anzeigt. Dann spuckt der Automat sofort das Ticket und evtl. das Wechselgeld aus. Fertig. Wie gesagt, höchst simpel, aber man muß es auch erst einmal wissen.

In Umeda angekommen, mußten wir auf eine andere Linie umsteigen, und nach Jūsō fahren. Von dieser Station aus waren es nur noch fünf Minuten zu Fuß zum Ward Office.

Dort angekommen, mußte ich zum Schalter für „Foreign residents“ gehen, um mich anzumelden und mir ein „Certificate of alien registration“ ausstellen lassen. Dazu brauchte ich meinen Paß (logo) und zwei Paßbilder. Außerdem hatte mir Nova eine Adreßkarte mit meiner Adresse auf Englisch und Japanisch sowie der Adresse und Telefonnummer der Personalabteilung von Nova (meinem Arbeitgeber) mitgegeben. Nachdem ich bzw. der(sehr nette!!) Beamte alles ausgefüllt hatte, mußte ich noch fünfzehn Minuten warten, bis das Certificate of alien registration ausgefüllt war. Das brauche ich, um ein Bankkonto eröffnen zu können. Bislang bin ich nur vorläufig registriert, für meine endgültige Registrierung muß ich zwischen dem 8. und 15. November noch einmal dort erscheinen.

Danach fuhren wir wieder zurück, und Barbara brach kurz danach auf, um ins Schwimmbad zu gehen, während ich mich auf die Suche nach einem etwas größeren Supermarkt als dem mickrigen Family wart machte.

Am nächsten Vormittag (Freitag) machte ich mich alleine auf den Weg nach Umeda, weil dort im 35. Stockwerk des Umeda Sky Building das deutsche Generalkonsulat in Ōsaka befindet und ich mich dort ebenfalls anmelden wollte. Unter den zahlreichen Informationen, die ich von Nova bei der Ankunft bekommen hatte, waren auch einige Infobroschüren und ein – zugegebenermaßen etwas oberflächlicher – Stadtplan von Ōsaka. Damit ausgerüstet, sollte der Weg kein großes Problem sein, denn ich wußte ja inzwischen, wie ich die U-Bahn benutzen mußte, und in Umeda angekommen, mußte ich nur nach dem Weg zum unterirdischen Fußgängertunnel zum Umeda Sky Building Ausschau halten.

Dummerweise ist die Station Umeda riesig. Überall Geschäfte und Hinweisschilder in alle möglichen Richtungen außer der von mir gesuchten.

Es fing schon auf dem Bahnsteig an, wo ich ziemlich ratlos mit meinem Stadtplan vor dem Plan der Station stand und keine Ahnung hatte, für welchen der vielen Ausgänge ich mich entscheiden mußte. Da sprach mich ein Japaner auf Englisch an, ob er mir helfen könne. Er sprach ein ausgezeichnetes Englisch, nur leider wußte er den Weg zum Umeda Sky Building auch nicht. Nach einer Weile entschied ich mich, es erst einmal in Richtung „Underground Shopping Mall“ zu versuchen. Das war eine gute Wahl, nur stand ich dann erst einmal ziemlich ratlos da rum und wußte nicht, wohin. Schließlich fragte ich eine Passantin, die wieder sehr hilfsbereit war, mich mit Japanisch überschüttete und schließlich, als sie begriffen hatte, daß ich kein Wort verstand, mir ein Stück Weg voraus ging, bis ich vor einem langen Gang stand, den ich weitergehen mußte. Da verabschiedete sie sich von mir (mit einer tiefen Verbeugung), und ich sagte „dōmo arigatō gozaimasu“ (Vielen Dank), eines der wichtigsten japanischen Worte, das man unbedingt beherrschen sollte, selbst wenn man sonst kaum ein anderes Wort kennt.

Ich ging also diesen Gang entlang, nur um am Ende wieder nicht zu wissen, wohin. Anhand der kleinen Karte habe ich versucht herauszubekommen, wo ich jetzt hingehen mußte, aber es war hoffnungslos. Ich entdeckte zwar zwei weitere Gänge, die offensichtlich in die falsche Richtung führte, aber sonst... Zum Glück entdeckte ich einen Infostand, und der freundliche Mann dort holte auf meine Frage nach dem Umeda Sky Building sofort eine große Karte heraus und erklärte mir den Weg. Endlich hatte ich aus dem Gewirr und Gewusel der Station herausgefunden, und sah das Umeda Sky Building vor mir – aber wo ging es zu diesem verdammten unterirdischen Fußgängertunnel? Wieder mußte ich mich durchfragen, aber zumindest war ich jetzt auf der Straße und konnte alles besser überblicken. Schließlich hatte ich auch den Tunnel gefunden, und von da an war alles ganz einfach: in den Eingang rein, wo ein Schild mit der deutschen Flagge daneben stand, rein in den Aufzug, auf die Nummer 35 gedrückt, tief und erleichtert aufgeatmet, als ich den Aufzug im 35. Stockwerk wieder verlassen durfte, am Konsulat klingeln und rein. Dort mußte ich etwas warten, dann habe ich ein Formular ausfüllen müssen (meine Adresse in Japan, nächste Angehörige in Deutschland, die im Falle eines Falles benachrichtigt werden sollen), und dann konnte ich wieder gehen. Dummerweise hatte ich die schöne Adreßkarte zu Hause vergessen, konnte also die Anschrift meines Arbeitgebers nicht angeben, und bei meiner Adresse ist mir auch ein kleiner Fehler unterlaufen. Egal, morgen bei der Orientation kann ich ein Handy erwerben, und sobald ich meine Telefonnummer weiß, muß ich meine Angaben eh aktualisieren.

Anschließend bin ich ein wenig um das Gebäude herumgegangen, weil es wirklich klasse aussieht, und habe einige Fotos geschossen. Auf ein Foto der umliegenden Gebäude habe ich verzichtet, weil sie wirklich von einer ganz ausgesuchten Häßlichkeit sind.

Ich hätte auch ganz nach oben auf das Umeda Sky Building fahren können, wo sich eine Aussichtsplattform befindet, aber ich hatte am Abend vorher in Barbaras Japanführer nachgelesen, daß man sich das auch schenken könnte, weil die Aussicht vom Ōsaka Castle viel schöner ist, und als ich nach oben blickte und mir die langen Aufzüge ansah, habe ich darauf verzichtet. Statt dessen bin ich ein wenig durch den kleinen Park geschlendert, der direkt unter dem Gebäude angelegt wurde. Faszinierend, eine wunderschöne Oase der Ruhe inmitten all der Hektik.

Wieder zuhause angekommen, habe ich als erstes wieder bei Angelica geklingelt, die diesmal auch wirklich aufmachte. Wie sich herausstellte, hatte sie den ganzen Donnerstag verschlafen und ein etwas schlechtes Gewissen, weil sie doch mit mir zusammen zum ward hatte gehen wollen. Ich habe ihr dann angeboten, mit ihr zusammen erneut hinzufahren, was sie dankbar annahm. Es war klasse. Denn inzwischen wußte ich ja den Weg, kannte mich also aus und fühlte mich sehr erfahren und weise. Nachdem sie sich auch hatte registrieren lassen, sind wir eine der Straßen einmal rauf- und runtergeschlendert, weil diese viel mehr nach Asien aussahen als alle anderen Orte, die wir bis dahin zu sehen bekommen hatten (gut, so viele waren das ja auch noch nicht).

Lustig war auch, daß Angelica zu mir exakt dieselbe Bemerkung machte wie ich am Nachmittag zuvor zu Barbar. Nämlich die, daß der Signalton der Fußgängerampel gegenüber dem ward office genau wie ein Kuckucksruf klingt.

Auf dem Rückweg entdeckten wir dann erstmals eine Frau in einem Kimono in der U-Bahn. War aber keine Geisha, denn sie war nicht geschminkt und trug auch keine Perücke. Aber eben einen Kimono.

Gestern und heute verliefen ziemlich unspektakulär. Gestern stand die erste Etappe der Reinigungsaktion in unserer Küche an, und danach habe ich etwas im untern gesurft und hauptsächlich gefaulenzt. Heute habe ich noch einmal ausgeschlafen, in Ruhe gefrühstückt und bin dann einkaufen gegangen (hat auch seine Vorteile, wenn die Geschäfte Sonntags geöffnet sind): ein paar zusätzliche Kleiderhaken, Geschirrtücher, eine Zitronenpresse (Elisa ist immer noch krank, und ich bin auch etwas verschnupft, da wird uns eine heiße Zitrone sicher guttun), ein paar Lebensmittel (ganz wichtig: Zucker und Zitronen).

Danach habe ich einige der Formulare ausgefüllt, die wir morgen zur Orientation mitbringen sollen: das Steuerformular, den Antrag zur Eröffnung eines Bankkontos, ein Formular mit persönlichen Informationen und die Inventarliste der Wohnung. Mit letzterer bin ich noch nicht ganz fertig, und außerdem müssen Barbara und Elisa sie noch unterzeichnen. Elisas muß auch von uns anderen unterzeichnet werden.

Später werde ich noch einmal bei Angelica vorbeischauen, fragen, ob sie gestern bei dem freiwilligen Treffen der neuen Nova-Mitarbeiter war. Ich habe es leider nicht geschafft, denn ich war so lange in der Küche beschäftigt. Bis ich mich umgezogen und zurechtgemacht hätte, wäre es zu spät gewesen, um noch pünktlich loszukommen, also habe ich es gleich gelassen und statt dessen noch etwas weiter gearbeitet. Ich sehe die Leute ja eh morgen, da kommt es auf die zwei Tage auch nicht drauf an.

Kommentare:

Sabine hat gesagt…

Moin!
Hm, ich fürchte, ans Aufzugfahren wirst Du Dich gewöhnen müssen, soalnge das Beamen noch nicht erfunden ist (angenehmer als letzteres isses bestimmt). Oder läufst Du bis in Deine Wohnung etwa zu Fuß?

Außerdem haben die Japapaner doch in den letzten Jahrzehnten bewiesen, daß sie technisch ganz gut sind, außerdem ist der Aufzug im Zweifelsfall von Siemens. Unzweifelhaft werden die Dinger immer zuverlässiger sein als das marode Teil in HRO.

Gewöhnst Di scho draa! :-)

Ute hat gesagt…

Soll es funktionieren, oder darf es etwas von Siemens sein?
Und ja, ich gehe zu Fuß bis zu meiner Wohnung, etwas Sport muß der Mensch schließlich treiben. Außerdem habe ich da einen Trick: ich steige im Treppenhaus bis ins 5. oder 6. Stockwerk, gehe dann die lange Veranda(keine Ahnung, wie ich das sonst nennen soll) entlang und gehe den Rest über die Außentreppe am anderen Ende. Da kann ich zwischendurch nochmal Atem schöpfen für den Aufstieg bis zum Gipfel ;-)

Sabine hat gesagt…

Und oben dann ein Gipfeltreffen - oder Toblerone. ;-)